Plan b

Vor ein paar Jahren begegneten mir an der Ecke vom Schillerplatz eine kleine Horde Jugendlicher, ich glaube, es waren Konfirmand*innen (die damals noch gar kein Gendersternchen hatten), und die hielten mir ein Mikro unter die Nase und wollten mein Lebensmotto wissen. Es war ein bisschen überraschend und ich hatte gar keinen so unglaublich tiefschürfenden, gleichzeitig aber auch coolen Lebensleitspruch auf Lager, wie ich jetzt eben grade gerne gehabt hätte und so sagte ich:

„Plan B ist auch gut.“

Damit waren sie zufrieden und zogen ab. Und ich dachte so im Weitergehen: Eigentlich trifft’s das ziemlich genau.


Ist mir die Tage wieder eingefallen. Der Zeitpunkt passt. Im Kleinen wie im Großen sozusagen: Dem Absturz sämtlicher Corona-Rettungspläne gucken wir ja grade mit einigem Entsetzen zu und meine eigenen beruflichen und privaten Pläne... - naja, was soll ich sagen? Dito. Ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass das passiert. Ich bin nicht gut drin, Ehen, Jobs, Wohnungen, Überzeugungen und so was alles zu behalten. Nicht zur Sesshaftigkeit begabt – irgendwie so. Es fängt immer ziemlich gut an, die Schrammen des letzten Absturzes sind noch zu spüren, aber, sagen wir mal, sie sind dabei, bindegewebig zu vernarben. Eine Zeitlang geht’s prima und fühlt sich wie „angekommen“ an und Hoffnungen wachsen himmelwärts und dann bröckelt so ganz allmählich alles weg (oder ziemlich plötzlich, wie im Fall von Corona) und ich leide wie ein Hund, müsste wohl sagen, wie eine Hündin, tage-, wochen-, monate- und manchmal auch jahrelang. Irgendwann nehme ich die Realität zur Kenntnis (eigentlich bin ich ein großer Fan von Realität) und irgendwann begreife ich, dass es Zeit ist für Plan B. Zeit, weiterzuziehen. Claudia meint ja, es liegt daran, dass ich Skorpionin bin. Sowohl die großen Hoffnungen als auch das bodenlose Elend des Absturzes seien ganz typische Kennzeichen für Skorpione und wenn ich dann sage, dass ich daran schon deshalb nicht glaube, weil es Quatsch ist, sagt sie: Siehst du, das ist der Beweis – das ist nämlich auch ein ganz typisches Kennzeichen. Jedenfalls, wenn ich dann lang genug gelitten und die Missgunst meines Schicksals beweint habe, kommt – ich weiß nicht woher – Plan B oder C oder D und ist tatsächlich auch gut. Ich hab das jetzt eben mal so an meinen Fingern abgezählt und würde sagen, wenn man nur die wirklich großen Abstürze rechnet, bin ich so ungefähr bei J, allerhöchstens K, naja, oder doch vielleicht bei N – das Alphabet hat jedenfalls noch einiges zu bieten.

Gepriesen sei die Geduld und Tapferkeit meiner Kinder, Brüderfamilien und Freund*innen (also Eure Geduld und Tapferkeit!), meine nomadische und immer prekäre Existenz auszuhalten und mitzutragen. Bei Bedarf Kisten zu schleppen, Teppichböden auszureißen, Katzenjammer zu allen Tageszeiten zu ertragen, lange Wanderungen mit mir zu machen, oder gechillte Zechgelage, mich zu füttern und zu wärmen und manchmal auszuschimpfen, immer wieder ein Stück mitzugehen und nicht nach Gegenleistung zu fragen.

Irgendwie hoffe ich, wenigstens das könnte so bleiben bis Plan XYZ.


Randnotiz: Renate und ich kennen uns von einer Weiterbildung. Ich liiebe ihre Texte. Glücklicherweise (danke für dein Einverständnis, liebe Renate) darf ich einige ihrer Werke hier mit euch teilen.



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